Die Initiative zur Oper "Orpheus im Schacht" und allen Ereignissen darum herum ging von Martin Tobiassen aus, Dozent für Musik am Institut für Waldorf-Pädagogik.
Orpheus ist Urbild des Musizierenden, aber auch des Pädagogen - ein Grund. Aber mehr noch: die Motive des antiken Mythos klingen auch im Ruhrgebiet an. Es gibt hier eine reale "Untere Welt": die Welt der Schächte und Stollen. Wohlstand, Macht und Identität waren mit dem "Schwarzen Gold" verbunden, Menschen aller Himmelsrichtungen kamen, um hier zu arbeiten. In den vergangenen 30 Jahren wurde Anlage um Anlage geschlossen. Neue Industrien entstanden, aber die Menschen im Ruhrgebiet sind noch stets dem Mythos des "Schwarzen Goldes" verbunden, und oft wendet sich der Blick mit Wehmut zurück.
Andere strukturelle Änderungen haben dazu geführt, dass Stadtzentren im Ruhrgebiet ihr Gesicht verlieren und für die Menschen nicht mehr einladend sind. Wie sich die Produktionsstätten in die Peripherie verlagert haben, so auch die Orte des Handels.
Orte der Mitte, der Begegnung und des lebendigen Austauschs sind aber sowohl für die Städte wie auch für die dort wohnenden Menschen lebenswichtig.
Orpheus also verliert Eurydike ein weiteres Mal - in Witten. Die Tänzerin Eurydike kommt in den Bann der Schattenwelt leerer Schächte. Diesmal will Orpheus sie befreien, diesmal nicht der Versuchung erliegen sich umzuwenden. Diesmal Eurydike nicht durch Hermes, den Gott der Kaufleute, wieder entrissen sehen in die Schattenwelt.
Denn nicht nur Orpheus kann ohne Eurydike nicht leben, auch die Musik selbst braucht die Bewegung. Und die Bewegung soll mit Eurydike in die Stadtmitte kommen, Menschen zusammen führen, um einander zu begegnen, sich zu freuen, mit einander zu feiern und in Gesprächen und gemeinsamem Singen und Tanzen den Mut für neue Ideen und Initiaven zu fassen. |